
Soziales:
In Handschuhsheim steht das erste Mehrgenerationen-Wohnhaus
Heidelbergs, das in Eigenregie entstand
Zusammen lebt man weniger allein
Von unserem
Redaktionsmitglied Sarah Weik
Noch kleben provisorisch abgerissene Namenszettel
auf den Briefkästen. Im Hauseingang wabert eine Staubwolke,
die sich langsam auf den frisch gefliesten Boden senkt. Es riecht nach
Putz und frischer Farbe. In der Wohnung von Claudia Hollinger zieht ein
Handwerker im Bad noch eine Fuge nach.
Keine Frage, es ist noch einiges zu tun in der
Richard-Wagner-Straße 6. Doch in Hollingers Wohnzimmer ist
die Stimmung gut. Bei Kaffee tauschen sich mehrere Bewohnerinnen des
Neubaus über den Stand der Bauarbeiten in ihren Wohnungen aus.
Hier fehlt eine Türe, dort ging eine Fliese zu Bruch. Sie
nehmen es gelassen. "Das wird schon", ist ihre Meinung. Teilweise sind
sie erst vor wenigen Tagen eingezogen. In das erste selbst gebaute
Mehrgenerationenhaus in Heidelberg.
Ein Haus voller Überraschungen
Zwischen einem halben Jahr und 90 Jahren sind die
Bewohner hier alt. Es sind junge Familien dabei, Senioren, Behinderte
und Alleinstehende. Eine bunte Mischung mit einer Gemeinsamkeit: der
Freude an der Gemeinschaft. Deshalb haben die Besitzer ihr Haus auch
"Prisma" getauft.
Ein Lieferwagen fährt vor. Die
Küche der Nachbarn wird geliefert. Kurzerhand holt Hollinger
deren kleine Tochter ab. "Dann können die Eltern in Ruhe
einbauen, die Tochter ist aus dem Weg und ich habe einige Minuten
für mich, weil mein Sohn ebenfalls beschäftigt ist",
sagt Hollinger lächelnd - ein Grund, warum sie hier einziehen
wollte. "Es heißt doch immer, es braucht ein ganzes Dorf um
ein Kind zu erziehen - genau das habe ich hier." Schließlich
kennen sich die Bewohner schon von zahlreichen Baubesprechungen. Das
Haus entstand komplett in Eigenregie. Es ist das erste konkrete Projekt
des Vereins OASE, der gemeinschaftliches und Generationen verbindendes
Wohnen fördert. Die Idee entstand vor sieben Jahren. Lange
wurde überlegt, geplant und diskutiert, bis im Dezember 2008
endlich der Spatenstich erfolgte. Ob der Prozess einfach war? Die
Frauen am Tisch holen tief Luft, schauen sich an und lachen. Nein,
einfach sei es mit Sicherheit nicht gewesen. "Das war
schließlich ein basisdemokratischer Prozess",
erklärt Britta Gruhlke und lässt den Satz
bedeutungsschwer im Raum stehen. Die anderen nicken. "Das
fängt bei der Farbe der Türen an - bis sich 25
Parteien darüber einig sind, das dauert", fährt
Gruhlke fort.
Doch nach und nach entstand so ein Haus, mit dem
alle zufrieden sind und das einige Überraschungen parat hat.
Wie die Kletterwand an der Rückseite des Aufzugschachtes. Oder
die "Schwatznischen" in den Laubengängen. An einigen Stellen
wurde der Gang verbreitert, "damit man ein Schwätzchen halten
kann, ohne den Weg komplett zu blockieren", erklärt Renate
Henkel. Auch mehrere Gemeinschaftsräume gibt es im Haus, wie
einen Hobbykeller mit Werkstatt oder einen Saal mit Küche und
Spielbereich für Kinder. "Ich hab mich auf ein Haus voller
Kinder gefreut", sagt Henkel. Sie hat früher lange Zeit in
Wohngemeinschaften gelebt. "Irgendwann wird man dafür dann
doch zu alt und will sein eigenes Reich", sagt sie. Auf die positiven
Seiten des Zusammenlebens muss sie hier dennoch nicht verzichten.
"Lebensform der Zukunft"
So verschieden die Bewohner, so unterschiedlich
die Wohnungen. Zwischen 43 und 125 Quadratmetern groß gleicht
kein Grundriss dem anderen. Jeder Bewohner konnte ihn selbst bestimmen
und auf seine Bedürfnisse zuschneiden.
Annamarie Mertzsch deutet stolz auf die Aussicht
aus ihrer Wohnung: Ein Blick über die Dächer von
Handschuhsheim in Gärten und Hinterhöfe. Bald wird
sie 90 Jahre alt. Es war ihre Tochter, die sie auf die Idee brachte,
hier einzuziehen. Eigentlich wollte sie gar nicht weg aus Eppelheim.
Doch die Argumente der Tochter haben sie schließlich
überzeugt. Das Gebäude ist barrierearm, hat einen
Aufzug und einige behindertengerechte Wohnungen. Ideal auch
für ältere Menschen. Doch vor allem wohnt Merztsch
nun in der Nähe der Tochter und ihrer Kinder. "Meine Enkel
gehen ganz in der Nähe zur Schule und waren auch schon
über Mittag zum Essen bei mir", sagt Mertzsch und strahlt.
Henkel hält "Prisma" für die
Lebensform der Zukunft. "Bei uns trägt jeder das bei, was er
kann und wozu er Lust hat", sagt Henkel. Ein Haus, das in seiner
Architektur auf Gemeinschaft ausgelegt ist, sie aber nicht fordert. Und
von außen wird dann auch deutlich, wie das Problem der
Türfarben gelöst wurde. Sie sind bunt.
Mannheimer Morgen
01. Februar 2010





Umwelt
Direkt vom Mai 2008
PRISMA Heidelberg kurz vor Baubeginn
Von Bernhard Pirch-Rieseberg
Oase - offen,
alternativ, selbstbestimmt, engagiert - ist Name und Programm des 2002
gegründeten Vereins, der gemeinschaftlich organisierte,
Generationen verbindende Wohnformen verwirklichen will.
PRISMA heißt
das erste Wohnprojekt des Vereins, so bunt wie das Leben: Senioren,
Familien, Alleinerziehende und Singles wollen dort in „guter
Nachbarschaft" zusammen leben, insgesamt 50 Menschen, davon 13 Kinder
und Jugendliche.
Bis Mitte 2009 sollen
die 25 - zumeist barrierefreien - Wohnungen mit einem bis fünf
Zimmern (45-125m²) fertiggestellt sein, Eigentumswohnungen und
sieben (geförderte) Mietwohnungen. Der „Heidelberger
Energiestandard" wird mittels guter Wärmedämmung,
passiver Solarenergienutzung (große Fenster nach
Süden und ein leicht hochgestelltes Pultdach) und einer
kontrollierten Lüftungsanlage eingehalten.
Die Stadt Heidelberg
unterstützt das „Leuchtturmprojekt" für
neue Wohnformen im Alter und die GGH (städtische
Wohnbaugesellschaft) stellt in Handschuhsheim ein optimal gelegenes
Grundstück zur Verfügung.
Das Kozept der
Stuttgarter Wohnbaugenossenschaft „pro - Gemeinsam Bauen und
Leben-", mit der das Projekt verwirklicht wird, sieht vor, dass es
für das gemeinsame Wohnen großzügige
Gemeinschaftsräume (mit Bereichen für Kinder und
Jugendliche, Werk- und Bastelraum) gibt.
In PRISMA sind fast
alle Wohnungen vergeben, der Verein Oase will aber in Zukunft auch
weitere Wohnprojekte beginnen.
Kontakt: Fam.
Pirch-Rieseberg, Tel. 06221-181318, www.oase-heidelberg.de.
Die
Planungsgemeinschaft PRISMA trifft sich jeden Mittwoch um 19 Uhr im
Seniorenzentrum Heidelberg-Bergheim, Kirchstraße 16.
Rhein-Neckar-Zeitung vom 20. Januar 2006:
Der Traum von gegenseitiger Hilfe
Ein Verein
will ein
Mehr-Generationenhaus in Handschuhsheim bauen lassen – OB
Weber:
Leuchtturmprojekt in der Metropolregion
Von Harald Berlinghof
Am Anfang waren es neun ältere Damen, die sich
regelmäßig trafen und
sich Gedanken machten ums Wohnen im Alter. Das war 1999. Alle hatten
sie bereits die Altersgrenze von 60 überschritten. Doch
„Wohnen im
Alter“, das bedeutete für Edith Roosch und ihre acht
Mitstreiterinnen
nicht das „Ghetto eines Altersheims“ oder die
Unterkunft in einer
betreuten Wohnanlage. Die älteren Damen träumten mehr
von einem Haus in
dem Alt und Jung miteinander leben und in dem jeder bei gegenseitiger
Hilfe seine Stärken einbringen kann. Ein
Mehr-Generationen-Haus sollte
es sein, eine Oase des gemeinschaftlichen Miteinanders der
Generationen. Und mitten in Heidelberg sollte es stehen.
So könnte es funktionieren: Die allein erziehende,
berufstätige Mutter
hat eine Rentnerin als Nachbarin, die viel Zeit zur Verfügung
hat und
deshalb die zweijährige Tochter tagsüber gerne
betreut. Dafür muss sich
die Oma nicht mit den Lebensmitteln vom Einkaufsmarkt abschleppen,
sondern bekommt sie nach Hause transportiert. So könnte das
zukünftige
Miteinander aussehen, meinen die neun Damen. Flugs wurde ein Verein
gegründet, der sich „Oase“ nennt, was
für „ offen, alternativ,
selbstbestimmt, engagiert“ steht.
Jüngst benannte Oberbürgermeisterin Beate Weber das
Projekt des
Vereins, in Heidelberg ein Mehr-Generationen-Haus zu bauen, als
Leuchturmprojekt innerhalb der Metropolregion Rhein-Neckar. Die OB
sicherte dem Verein jede mögliche Unterstützung der
Stadt zu.
Allerdings soll das Grundstück, das sich die Vereinsmitglieder
in
Handschuhsheim ausgesucht hatten, doch recht teuer sein. Und der
Projektentwickler, die Wohnbaugenossenschaft „Pro“
in Stuttgart, kann
nur eine begrenzte Summe investieren, weil die späteren
Miethöhen für
die geförderten Wohnungen festgelegt und begrenzt sind. Weber
sprach
kürzlich öffentlich von einer
Finanzierungslücke in Höhe von um die
80000 Euro. Der Verein erhofft sich allerdings Sponsoren, um dem
„Traumstandort“ mit seiner barrierefreien Anbindung
an Bus und Bahn und
einer guten Infrastruktur mit kurzen Wegen zum Einkaufen doch noch
verwirklichen zu kön-nen. Die Stuttgarter
Wohnbaugenossenschaft „Pro“,
die bereits einige Mehr-Generationen-Häuser im
schwäbischen Raum
erstellt hat, tritt als Projektentwickler auf und finanziert das Objekt
zunächst teilweise.
Ein Teil der 20 bis 24 Wohnungen in dem Haus soll als
Eigentumswohnungen von Mitgliedern des Vereins finanziert werden. Ein
zweiter Teil soll an Investoren verkauft werden, die die Wohnungen an
Mitglieder des Vereins vermieten und ein dritter Teil soll als
geförderter Wohnungsbau an Vereinsmitglieder mit
Wohnberechtigungsschein vermietet werden. „Damit
möchten wir neben
einer guten Durchmischung der Bewohner aus verschiedenen Altersgruppen
auch eine gute soziale Durchmischung erreichen“, versichert
Heike
Burkhard, wie Edith Roosch im Vorstand des Vereins aktiv. Das Haus soll
offen sein für Menschen mit Behinderung und auch für
Einwanderer.
Voraussetzung ist allerdings die aktive Mitgliedschaft im Verein.
45 Mitglieder hat der Verein inzwischen, wovon gut 20 in der
Arbeitsgruppe „Wohnen im Alter“ aktiv sind. Das
Alter der Mitglieder
reicht inzwischen von zwei bis 77 Jahre. Allerdings sind
Männer im
Verein noch Mangelware. Auch junge Familien, bevorzugt mit Kindern sind
erwünscht. Schließlich sollen in dem
dreieinhalbgeschossigen Haus auf
dem 2000 Quadratmeter großen Grundstück Jung und Alt
gleichermaßen
vertreten sein.
„Ein solches Projekt muss wachsen“, meint Heike
Burkhard. „Es
funktioniert nicht, ein solches Haus von der Stange zu bauen und dann
Bewohner dafür zu suchen.“ Das Miteinander
funktioniere nur, wenn sich
die späteren Bewohner vorher zusammen gerauft haben.
„Bei uns im Verein
ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Da wird auch manchmal
hart diskutiert. Eine positive Streitkultur zu entwickeln,
gehört
dazu“, so Burkhard. Jeder im Verein wisse, was auf ihn
später zukommt
und mit wem er es zu tun hat.
Quelle:
www.rnz.de
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